Massoudy    Calligraphe
Hassan Massoudy calligrapher
   

 

 

Hassan MASSOUDY in Irak geboren, lebt seit 1969 in Frankreich, wo er zahlreiche Ausstellungen, Kurse und Schreibstuben für arabische und europäische Kalligraphie organisiert hat.

Wenn du das Herz des Lebens erreichst, findest du die Schönheit in allen Dingen . Khalil Gibran

عندما تبلغ قلب الحياة ستجد الجمال في كل شيء ـ جبران

calligraphie H. Massoudy

Kalligraphie © Hassan Massoudy

Seit meiner Grundschulzeit fühle ich mich in der Kalligraphie heimisch. Sie ist ein Teil von mir. Später hörte ich einen anderen Ruf, der mich zur Wunderwelt der Bilder hinzog. Ich wollte Maler werden und besuchte deshalb die Hochschule für bildende Kunst in Paris. Fünf Jahre später, nach meinem Abschluss, regelte sich die problematische Beziehung zur Malerei von selbst. Die Kalligraphie war stärker und trug den Sieg davon - wenn auch nicht ganz, denn hinter jeder meiner Kalligraphien verbirgt sich ein Bild.

Wenn mir die Inspiration für kalligraphische Arbeiten fehlt, lese ich Gedichte. Trifft mich eine Passage tief im Inneren, wird meine Vorstellungskraft angeregt. Kleine Wortfragmente stimulieren mich und versetzen mich an einen unbekannten Ort der Träume. Dann versuche ich, diese Bilder in farbige, konkrete Schriftzeichen zu übersetzen. Ich versuche, gedanklich eine Art Gerüst um eine Mitte herum zu konstruieren, und dabei drängen sich zwei Linien auf: eine vertikale Achse als Bindeglied zwischen allen Zeichen und eine horizontale Linie. Diese richtunggebenden Linien haben einen Fixpunkt und einen Fluchtpunkt, aus denen sich die wesentlichen Komponenten einer Komposition ergeben. Danach kommen zahlreiche weitere kleine Schriftzeichen mit ins Spiel und nehmen an der dynamischen Bewegung teil. Wenn die Form gefunden ist, belebt sich auch der weiBe Hintergrund, der Raum, und erhält Spannung. Das künstlerische Werk ist nie im Voraus kalkulierbar, jeder Satz ist ein Neubeginn. Ein arabischer Dichter beschrieb vor langer Zeit die Qualen des schöpferisch Tätigen und verglich ihn mit jemandem, der einen gewaltigen, schweren, glatten Fisch zu fangen versucht, der sich ihm stets entzieht. Meine Kalligraphien entspringen Gefühlen und Empfindungen, die durch meine Beziehung zu Menschen, durch Vorgänge in der Welt, durch die Natur ausgelöst werden. Die Elemente inspirieren mich ebenfalls - die zarte, aufstrebende Linie des Feuers, das FlieBen des Wassers, die Beständigkeit und Härte des Steins, die Leichtigkeit und Kraft des Windes in Wirbelsturm, Wolken, Meereswogen. Derartige Phänomene versuche ich in Linien umzusetzen.

In der Dichtung erweitert man den gängigen Wortschatz um unbekannte und fremdartige Ausdrücke. In der Kalligraphie werden die Kompositionen durch Zusätze und Verflechtungen anderer Art belebt. Man muss energiegeladen sein, damit die Verschmelzung der poetischen Bilder und der Farbpigmente gelingt, damit sich das Wort auf dem Papier in Farbe verwan- delt. Die Mischung aus Pigmenten und Bindemittel ist ein heikles Unterfangen, manchmal wollen sich die Moleküle der synthetischen Pigmente nicht mit denen des pflanzlichen Bindemittels verbinden, sodass die Mischung misslingt. Eine Form zu finden kann ein Spiel sein, aber bei diesem Spiel geht es nicht ab ohne Schmerzen und Arbeit an sich selbst. Die Art, wie wir Materie verwenden, um neue, kraftvolle Schriftzeichen zu schaffen, ist ein Spiegel unseres Willens, unserer moralischen Stärke und unserer Weltsicht.

Alles konzentriert sich auf einen kurzen Augenblick, den Bruchteil einer Sekunde, in dem man reflexartig alles entscheiden muss und auf das Papier bringt, was im eigenen Inneren geschrieben steht. Dieser Moment erfordert jahrelanges Üben und eine jahrelange Suche, denn erst dann ist man in der Lage, die Empfindungen des Augenblicks zu spiegeln. Ist jedoch der Kontakt zwischen den inneren Visionen und der Materie einmal hergestellt, bewirkt er einen Dialog, einen Zusammenklang, der für einen kurzen Moment auf eine höhere Ebene führt.

Hassan MASSOUDY - Die vollkommene Harmonie, O.W.Barth Verlag, 2002


Schwarze Kalligraphie für intensives Weiβ
Bunte Kalligraphie zum Wärmen
Leuchtende Kalligraphie zum Träumen
Formenrciche Kalligraphie für Zartheit und Anmut
Fröhliche Kalligraphie für das Leben
Reine Kalligraphie für Schönheit und Liebe
Freie Kalligraphie zur Erhebung
Ernste Kalligraphie für die Würde
Schlichte Kalligraphie für Achtsamkeit und Ethik      
Aufrechte und kräftige Kalligraphie als Wall gegen Ignoranz
Dynamische Kalligraphie, um Starrheit zu überwinden
Räumliche Kalligraphie, um in die Leere zu entfliehen
Vollendete Kalligraphie für den Traum von Unendlichkeit …

Hassan Massoudy  2005

Bücher Im deutsch :

Der Prophet

Khalil Gibran

Mit Kalligraphien von Hassan Massoudy
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2002.

Die Vollkommene Harmonie

Ibn Arabi
Kalligraphien von Hassan Massoudy
O. W. Barth, 2002.
Hassan Massoudy, seit seiner Kindheit vertraut mit arabischer Kultur und Dichtkunst, zeichnet mit seinen eleganten, rhythmischen Kalligraphien die harmonischen Bewegungen des Liebenden nach.

 

Ein Kalligraph
Bringt die Wörter
Zum Tanzen

Von Hassan Massoudy

Die kufische Schrift, die Monumentalform der arabi­schen Schrift, ist streng, eckig und würdevoll. Auf Pergament mit durchscheinender Sepiatinte ge­schrieben, entfaltet sie eine mysteriöse Sinnlichkeit und verliert doch nichts von ihrem majestätischen Duktus.

Im Laufe der Jahrhunderte ist die arabisch‑islamische Schrift durch die Begegnungen mit den verschiedensten Kulturen noch schöner und noch reicher an subtilen Nuancen geworden. Obgleich die ursprünglichen, streng geometrischen Formen nicht gänzlich verschwanden, be­hauptete sich schließlich die Kurve, und die Buchstaben wurden runder, bauchiger und geschwungener. Einige Buchstaben gediehen so prächtig, dass sich die Wände, die sie zierten, in Gärten der Erbauung verwandelten, durch die das Auge zwischen Aufstrichen und Abstrichen auf verzweigten Pfaden schweifte. Andere Buchstaben wurden als Gegengewicht zu den leeren Zwischenräumen mit dekorativen Motiven geschmückt. Wo streng geome­trische Formen vorherrschten, nahmen die warmen Blau ­und Türkistöne antiker Keramiken, deren Zauber uns noch heute in seinen Bann schlägt, den Buchstaben ihre allzu große Strenge. Das Streben nach Schönheit konzen­trierte sich ganz auf den Buchstaben, da jede Form von figurativer Bildlichkeit verpönt war.

Auf Holz, Leder und Knochen, später auf Pergament, Steinen und glasierten Ziegeln arbeitend, bereicherten Kalligraphen ganze Generationen mit ihrer Kunst und gaben ihr Können mündlich an ihre Schüler weiter, die die alten Traditionen in Ehren hielten.

Wie steht es nun heute um die Kalligraphie? Ästhetische Werte unterliegen dem Wandel der Zeit. Ebenso wie sich das Verhältnis zu Raum und Zeit verändert hat ‑ man denke nur an die Abgründe, die sich zwischen den Städ­ten und Karawanen der Antike und unserem Zeitalter der weltumspannenden Kommunikation und der Erobe­rung des Weltraums auftun ‑ hat sich auch das Wir­kungsfeld für kreatives Schaffen erweitert. Zeichen und Bild sind eins geworden; der Umgang mit den sich anar­chisch vermehrenden Zeichen und die Verwendung der neuen synthetischen Farben muß allerdings erst erlernt werden.
Wie kann sich der moderne Kalligraph unter diesen Be­dingungen ausdrücken, ohne dabei das Licht der inneren Wahrheit und langer Erfahrung aus dem Auge zu verlie­ren, das ihn in seinem Schaffen leitet? Wie kann er seine Kunst erneuern, ohne dabei die ererbte Tradition zu ver­raten? Vor allem zwei Dinge sind hier von Bedeutung: der Inhalt der Worte, die er niederschreiben will, und das Handwerkszeug, das er dabei benutzt. Form und Inhalt sind nicht voneinander zu trennen.

Traditionell arbeiten die arabischen Kalligraphen mit ei­nem Kalamos, einer spitz zugeschnittenen Schilfrohr­feder, die nicht dicker als ein Finger ist. Für große Kalli­graphien ‑ zur Dekoration von Wänden beispielsweise ‑ müssen zunächst die Umrisse der Buchstaben vorge­zeichnet und dann mit einem Pinsel farbig ausgemalt werden. Verwendet man breitere Schreibgeräte, entweder alleine oder zusammen mit dem Kalamos, so scheint es mitunter, als erwachten die traditionellen Zeichen zu ganz neuem Leben.

Ich selbst stelle mein Handwerkszeug aus Holz, Pappe und anderen Materialien her, benutze aber auch ganz ge­wöhnliche Pinsel. Die ursprüngliche Bedeutung der Buchstaben, die ich dann nachzeichne, bleibt zwar erhal­ten, aber ihre ästhetische Wirkung ist vollkommen an­ders. Ein chinesischer Kalligraph sagte einst: «Wenn die Idee erst auf der Pinselspitze ist, geht der Rest wie von selbst.»

Die Kalligraphie ist eine Kunstform, mit strengen Regeln. Selbst die Zeit, die erforderlich ist, um eine Linie auf ein leeres Blatt zu zeichnen, ist genau festgelegt. Traditionell verfügten die Kalligraphen weder über die Freiheit noch über die technischen Mittel, die es ihnen gestattet hätten, allzu gemächlich oder mit gar zu großer Hast zu Werke zu gehen. Ich schreibe heute allerdings zehnmal schnel­ler als früher. Meine Hand fliegt förrnlich über die Seite, zeichnet die Umrisse des Wortes und gibt zugleich der Gesamtkomposition Gestalt. Doch nicht nur die Hand, der ganze Körper ist an dieser Handlung beteiligt, bei der sich die ganze Schatzkammer geduldig erworbener Fähigkeiten öffnet. Urn schnell schreiben zu können, muß der Kalligraph seine Bewegungen, aber auch seine Atmung vollständig beherrschen.

Die Farben werden unmittelbar vor Beginn der Arbeit angesetzt. Pigmente und Bindemittel werden zu einer Tinte von jeweils verschiedenem Flüssigkeitsgrad zusam­mengemischt. Der gleichmäßige, perfekte Fluß der Farbe sollte den Akt des Schreibens beflügeln. In der durch­scheinenden Tinte spiegelt sich eine vollkommene, sinn­liche Welt, die Ausgeglichenheit und Heiterkeit aus­strahlt. Um diesen Idealzustand zu erreichen, müssen je­doch zunächst die Substanzen, aus denen die Farbe her­gestellt wird, gebändigt werden.

Harmonieren Form und Farbe vollkommen miteinander, so bereitet die Kalligraphie große Freude. Der Akt der Komposition ist geprägt durch die Gefühle während des Schreibens. Die Form, sei sie nun extravertiert oder  introvertiert, ist stets an ein Erfahrungsmoment gebun­den, aus dem sie ihre Intensität bezieht. Die Schönheit hat ‑ so glaube ich ‑ ihren Ursprung in dem Wechsel­spiel zwischen dem, was ich schreibe, und dem, was ich bin.

Im Inneren der Komposition sind die Vibrationen einer ganz eigenen Welt vernehmbar, und es wirkt ein Kräfte­feld, das dem Rhythmus unterworfen ist, den ich der Be­wegung der Buchstaben gebe. Manchmal führe ich die Federstriche steil nach oben, als wollten sie davonfliegen, dann wieder setze ich sie ganz behutsarn auf das Papier, so dass sie zum Inbegriff unendlicher Ruhe werden.

Wenn die Form steht, wenn die Striche sicher aus der Fe­der fließen, ist der Künstler zufrieden. Die Kalligraphie wird zur Körpersprache, die erklärt, was den Schreiben­den ganz tief in seincm Innern bewegt ‑ Kindheitserin­nerungen oder die Ereignisse des Tages. Diese Traumbil­der werden in eine Form gegossen, sie öffnen sich wie die Knospen im Frühling. Es kommt mir das Bild vorn Saft in den Sinn, der von der Wurzel in jeden kleinen Zweig des Baumes hinaufsteigt. Oder die Vitalität einer Tanz­gruppe in der Hand des Choreographen. Gar zu gerne wäre ich der Choreograph meiner Buchstaben und ließe sie auf der weißen Seite tanzen. Ich übersetze meine Ge­fühle in Gesten, und mit einem Male werden all meine Phantasien sichtbar. Aber wieviel Mühe und Geduld ko­stet das! Wieviel Konzentration braucht, wer solch flüch­tige Impulse im Fluge einfangen will!

Bestimmte Buchstaben verlängere ich, andere drücke ich eng zusammen. Wenn meine Buchstaben sich in die Lüfte erheben, dann fliege auch ich mit ihnen. Wenn sie wieder zur Erde zurückkehren, dann kehre auch ich mit zurück. Manchmal hilft der Zufall mir, tiefer in meine In­tuitionen einzudringen. In der Kalligraphie kommt die Schönheit nicht zwangsläufig triumphierend oder über­schwänglich daher. Sie kann auch das Ergebnis eines in­neren Konflikts oder Dramas sein. Um das rechte Gleich­gewicht wiederherzustellen, muß der Kalligraph mit ei­nem Höchstmaß an Präzision arbeiten und sicher sein. Gelingt ihm das, so wird die Schönheit der Form zur Hilfe in schweren Zciten. In kreativen Augenblicken wird alles erhellt, wird alles zur Kalligraphie: die Natur, die Menschheit, selbst die industrialisierte Welt.

Die Form bezieht ihre Energie aus dem Raum, der ihr zugestanden wird. Irn Arabischen werden die Wörter ho­rizontal geschrieben ‑ ich gebe ihnen Vertikalität, und als Höhepunkt des Ganzen ziehe ich die Buchstaben eng zusammen, um den monumentalen Charakter der Ge­samtkomposition zu betonen.

Die Kalligraphen waren stets bestrebt, nur das Sublime zu enthüllen, und selbst die kleinste Spur inneren Kon­flikts wurde aus ihrer Arbeit verbannt. Heute kann ich ausdrücken, was immer ich rnöchte, jedoch mit einer Freiheit, die das Ergebnis der Reife ist, mit durch ein Quentchen Weisheit gezügeltem Verlangen. Die Lehr­jahre sind lang, und das Schreiben birgt ungeahnte Ge­fahren in sich. Am Ende aber belohnt die Kalligraphie den geduldigen und hingebungsvollen Schreiber stets.

Der Künstier, dem die Kalligraphie ihre geheimen, Erfah­rungen offenbart, durchlebt einen Rausch, der dem des Tänzers gleicht, der sich bis zur völligen Erschöpfung im Kreise dreht. Alle Stürme, die das Herz bewegen, ver­wandeln sich in einfache, klare Gesten. In viel stärkerem Maße als die Sprache, in der die Buchstaben geschrieben sind, ähnelt die Arbeit des Kalligraphen jenen von der Natur geschaffenen Statuen, die in den Wüstenhimmel ragen und das Auge zur Unendlichkeit führen.

UNESCO KURIER 1990